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Wushu Akademie Schweiz
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1. Training mit dem Xi'an Wushu-Team

Sandro mit dem Muskelkater seines Lebens...

Ein weiteres Bild aus dem Training des Xi'an Wushu-Teams. Darauf arbeiten wir hin: Schon Kinder solche Xubus ausführen zu lassen.
Als Nachtrag zum letzten Bericht hier noch Sandros Schreibheft mit den chinesischen Schriftzeichen. Er ist seit Ende April an dieser Schule in Xi'an und übt offenbar fleissig. Die Wörter, welche wir verstehen, geben Hinweise darauf, von WAS Sandro da schreibt. Nicht überraschend...

Erstes Training beim Xi’an Wushu Team

Mit dem Muskelkater meines Lebens schreibe ich am Tag danach diesen Bericht über mein erstes Training in Xi’an. Wie hoch die Trottoirs hier sind, bemerkt man erst, wenn das Besteigen ebenjener zu einer schmerzhaften Aufgabe wird. Ich glaube, solchen Muskelkater hatte ich noch nie zuvor, zumindest nicht in den Beinen. Und wusstet ihr, dass wir offenbar auch am unteren Ende des Halses Muskeln haben, die schmerzen können? «Schluckweh» kann man also auch von etwas anderem als Erkältungen oder Grippen bekommen. Da mein letztes Training in der Schweiz über zwei Monate her ist und wir in den letzten Wochen Militär nur noch in Epeisses (GE) im Bunker rumlagen und danach in Bremgarten Material abgegeben haben (und wir Retter haben seeeeehr viel Material) auch kein Wunder, dass alles so schmerzt. Aber nun in medias res, schliesslich ist die Ursache des Muskelkaters spannender als er selbst.

Es war glücklicherweise nicht ganz gleich heiss wie am Montag, als ich mit Mr. Shi und den Hongkongern zu Besuch war, was einerseits den Weg zur Halle etwas erträglicher machte, aber vor allem auch die Luft in der Halle nicht ganz so stickig werden liess. Wohlgemerkt, die Halle ist NICHT klimatisiert. In solchen Momenten wünschte ich mir, das süditalienische Blut würde etwas mehr durchdrücken, aber in punkto Hitzeresistenz bin ich 100% Bünzli.

Die erste Übung, die wir zu machen hatten, war Laufen in der Brückenposition. Ich bin so knapp in der Lage, mit Auf-dem-Kopf-Abstützen so halbwegs über den Teppich zu kriechen. Die anderen, die grösstenteils Kinder um die 10 Jahre sind, waren verständlicherweise weitaus gelenkiger und deutlich graziler unterwegs. Im ersten Moment war das natürlich äusserst peinlich, aber die Kinder haben sehr ermutigend reagiert. Einige gaben mir Tipps, andere lobten mich für das Versuchen, wieder andere sagten, das brauche einfach Zeit. Und die Mehrheit hatte einfach Freude am Ausländer, zumal kein einziges Kind, das mich nach meiner Herkunft fragte, schon jemals was von 瑞士 (Ruìshì, Schweiz) gehört hatte.

Das Brücke-Laufen war allerdings erst der Anfang. Nachher wurden Flickflacks oder, für jene, die diese nicht können, Vorübungen dazu geübt. Dass ich bereits an den Vorübungen scheiterte, ist, so denke ich, offensichtlich. Nun ja, mit Fleiss kommen hoffentlich zumindest die Vorübungen irgendwann halbwegs gut. Nach diesen wenigen Linien war ich bereits recht ausgebrannt und hoffte auf etwas lockerere Übungen. Aber falsch gedacht, wir sind schliesslich in China, da gibt es keine halben Sachen. Was folgte, war intensives Dehnen, wobei ich der einzige war, der den Spagat nicht zumindest fast konnte. Auch wenn Dehnen grundsätzlich nicht anstrengend ist, ins Schwitzen kommt man dennoch. Vor allem, wenn danach das Jibengong genau zwei Linien Beine-Einschwingen beinhaltet und darauf sofort in die Sprünge übergegangen wird. Diese werden natürlich nach einigen «Aufwärm-Linien» gleich mit Landung im Spagat oder zwei Drehungen oder Schrauben durchgeführt. Immerhin hierbei gab es genug andere, die noch nicht so weit waren, schon die fortgeschrittenen Zusätze zu machen; da war ich also endlich etwa auf demselben Niveau. Dass jene, die Mühe hatten, alle etwa halb so alt wie ich waren, bleibe unbeachtet …

Während des Jibengongs haben mir auch einige Kinder immer wieder Fragen gestellt. Einige waren sogar ganz mutig und haben versucht, Englisch zu sprechen, sobald sie bemerkt haben, dass ich eine Frage nicht verstehe. An diesem Punkt sei auch gleich gesagt: Ja, die Chinesen lernen Englisch in der Schule, aber da sie es im Alltag nirgends brauchen, auch nicht im Internet, das sich in China vollkommen vom englischen West-Internet abschottet, verlernen sie es meist wieder, sobald sie die Schule verlassen. Ausser den Gut-Gebildeten und den Jungen kann kaum jemand brauchbar Englisch.

Nach dem Jibengong ging es pausenlos weiter (getrunken wird einfach während des Trainings bei Bedarf, dafür gibt es eben keine offiziellen Pausen). Der Coach fragte mich, ob ich Waffen könne. Meine erste Antwort war Säbel. Kurz darauf drückte er mir einen in die Hand und ich wurde mit drei Kindern zusammen in die Gruppe gesteckt. Da es kaum genug Trainer hat, machten wir Kurzwaffen-Grundschule unter der Führung des ältesten Kindes; ich zähle dabei natürlich nicht mit. Die Disziplin, die unsere Gruppenführerin – etwa 11 oder 12 Jahre alt – an den Tag legte, hat mich beeindruckt. Als der Coach uns keine neue Übung mehr gab, wurde einfach die letzte immer und immer wieder wiederholt. Mag zwar langweilig erscheinen, aber einerseits war ich nach dem mörderischen Jibengong froh, etwas ruhigere Übungen durchführen zu dürfen, andererseits kann man auch nach bald 14 Jahren Wushu noch an den Grundlagen weiterfeilen. Dieses Mädchen hat mich denn auch korrigiert, wenn sie etwas gesehen hat. Das war so einer der Momente, an dem einem klar wird, dass man sich nie zu stolz sein darf, von überall zu lernen, selbst wenn die Quelle mindestens acht Jahre jünger ist. Sie wusste klar, wovon sie sprach, also darf sie mich auch gerne korrigieren. Schon allein der Mut, jemand deutlich älteren zu korrigieren, verlangt in meinen Augen Respekt. Ich weiss, wie schwierig das sein kann. Als ich das erste Mal Erwachsene und somit meist deutlich Ältere unterrichtete, war mir unwohl zumute. Natürlich, die meisten kannte ich schon lange, aber es ist doch etwas anderes, als Trainer vor ihnen zu stehen und Kritik anzubringen. Und mit 11 oder 12 Jahren ist das sicher noch einmal ein rechtes Stück schwieriger, daher Hut ab vor diesem Mädchen! Zudem musste sie sich nachher auch noch gegen einen ihrer beiden Kameraden durchsetzen, der nach so langer Zeit mit der gleichen Übung keine Lust mehr hatte. Sein Widerwille wurde dann vom Coach bemerkt und physisch bestraft. In diesem Moment war ich als Schweizer natürlich schockiert, als er dem kleinen Buben mit dem Stock eins auf den Hintern gehauen hat und ihn nachher auch noch am Ohr gezogen hat, aber das scheint leider Standard zu sein. Es ist nicht eine häufig, aber doch immer wieder, angewandte Bestrafung.

Irgendwann kam der Coach auf mich zu und fragte, ob ich mit dem Säbel auch eine Form vorzeigen könne. Als ich bejahte, bat er mich auf den Teppich. Nach der ersten Linie der Säbel 89 (sorry, Michi, die 01er kann ich nicht mehr!) unterbrach er mich und brachte Korrekturen an, also eigentlich ganz ähnlich, wie das bei uns auch abläuft. Der zweitletzte Teil des Trainings bestand aus Ausdauer- und Krafttraining sowie (Aus-) Dehnen. Wir mussten zweimal je zehn Diagonalen durch die inzwischen verlassenen Basketballfelder sprinten, was etwa zwei Dritteln der Bünten-Halle in Unterentfelden entspräche. Das Wushu teilt sich eine Halle, die von der Grössenordnung her etwa der in UE gleichkommt, mit dem Basketball. Etwa ein Drittel des Raumes belegt das Wushu-Team, der Rest wird vom Basketball verwendet.

Den Abschluss nach Krafttraining und/oder Dehnen bildete das Herumsitzen oder gegenseitige Massieren, wie wir es auch aus den Trainingswochen kennen. Als ich etwas abseits sass, kam ein kleiner Junge auf mich zu und bat mich, mich hinzulegen. Danach haben er und ein weiterer Junge meine Beine und den Rücken durchmassiert. Wo wäre wohl mein Muskelkater, wenn die beiden nicht gewesen wären? Vermutlich hätte ich mich für heute von der Schule abmelden müssen …

Mein Fazit zu diesem ersten Training: Auch wenn es höllisch anstrengend war, die äusserst freundliche und unterstützende Atmosphäre, vor allem vonseiten der Kinder, hat es zu einem grossartigen Erlebnis werden lassen. Auch wenn ich nicht, wie erhofft, etwas völlig Neues lernen werde – sie haben schlichtweg nicht genug Trainer dafür – tut es doch gut, sich wieder anständig zu bewegen. So bin ich dann vielleicht wieder halbwegs brauchbar, wenn im August das Training in der Schweiz für mich wieder losgeht.

Ein letztes noch: Seid dankbar dafür, dass ihr in der Schweiz nicht literweise Wasser mitnehmen müsst, sondern einfach in der Garderobe wieder nachfüllen könnt. Ich dachte anfangs, zwei Halbliterflaschen würden reichen; zum Glück habe ich mich doch noch entschieden, eine dritte mitzunehmen. Die dritte Flasche war fast leer, als ich wieder im Hotel ankam.

Sandro 2019 年 06 月 13 号

Ergänzung: Hier noch ein Link zu unserem Youtube-Kanal mit einem Video der Changquan 32-Form, wie sie Kinder des Teams dort ausgeführt haben.

Ein weiteres Bild aus dem Training des Xi'an Wushu-Teams. Darauf arbeiten wir hin: Schon Kinder solche Xubus ausführen zu lassen.